
Bodmen
Foto-Archiv-ETH-Zürich
Saaser Orts- und Flurnamen
Zusammengestellt von André Zurbriggen, Bidermatten
Wer im Saastal unterwegs ist, wandert nicht nur durch Landschaft – sondern durch Sprache. Hinter scheinbar unscheinbaren Flurnamen verbergen sich Jahrhunderte Geschichte, alte Lebensweisen und überraschende Bedeutungen. Doch viele dieser Namen drohen zu verschwinden. Höchste Zeit, genauer hinzuhören.
Im Herbst 2024 erschien mit dem mehrbändigen Werk zu den Oberwalliser Orts- und Flurnamen eine eindrückliche Sammlung unseres sprachlichen Erbes. Über 2’000 Seiten stark, führt es tief hinein in die Entwicklung unserer Dialekte und die Herkunft von Namen, die teils bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen.
André Zurbriggen aus Bidermatten hat sich durch dieses monumentale Werk gearbeitet – und für das Saastal jene Namen herausgefiltert, die Saas-Almagell, Saas-Balen, Saas-Fee und Saas-Grund betreffen. Entstanden ist eine wertvolle Zusammenstellung, die nicht nur dokumentiert, sondern auch verständlich macht, wie eng Sprache, Landschaft und Geschichte miteinander verwoben sind.
Was dabei besonders auffällt: Viele dieser Namen sind heute kaum mehr bekannt. Während sie über Jahrhunderte Bestand hatten, verschwinden sie nun innerhalb weniger Generationen. Die letzten, die sie noch selbstverständlich verwenden, sind oft Älpler, Schäfer oder Jäger.
Wenn ein Name mehr verrät als ein Blick
Einige Beispiele zeigen, wie viel Bedeutung in einem einzigen Wort stecken kann:
Ägerte
Ein Begriff, der im Oberwallis rund 200 Mal vorkommt. Gemeint ist ein Stück Land, das einst als Acker genutzt wurde, dann aber – oft wegen schlechter Böden – wieder zur Wiese oder zum Wald wurde. Ein Name also, der von harter Arbeit, aber auch von Aufgabe erzählt.
Balma / Balen
Der Name Saas-Balen geht auf „Balma“ zurück – eine Felshöhle oder ein überhängender Fels. Solche Orte boten Schutz für Hirten und Jäger. Dass daraus ein Dorfname wurde, zeigt, wie prägend diese Landschaftsformen waren.
Bider / Bidermatten
Hier steckt die Rauschbeere dahinter – im Dialekt „Buder“. Der Name erinnert daran, welche Pflanzen früher typisch für eine Gegend waren und vielleicht auch genutzt wurden.
Färich
Ein „Färich“ ist ein Pferch – ein eingezäunter Platz für Tiere. Namen wie „der alte Färig“ oder „der steinerne Färich“ geben Hinweise auf frühere Nutzungen der Landschaft.
Rufina
Ein eindrücklicher Begriff für Erdrutsch oder Bergsturz. Dass solche Namen häufig vorkommen, zeigt, wie präsent Naturgefahren im Alltag waren – und sind.
Litzi
Bezeichnet eine schattige Hanglage, oft nordseitig. Wer den Namen kennt, weiss sofort: Hier scheint die Sonne selten hin.

Mattmarkalpe
Sammlung Zita-Bumann
Sprachgrenzen und weite Verbindungen
Die Flurnamen im Saastal erzählen nicht nur lokale Geschichten. Sie spiegeln auch grössere Zusammenhänge:
- Einflüsse aus dem Romanischen, Italienischen oder Französischen sind deutlich erkennbar.
- Namen überschreiten Grenzen – etwa jene der Walser aus Macugnaga, deren Bezeichnungen auch auf der Saaser Seite auftauchen.
- Manche Begriffe kommen im ganzen Oberwallis hunderte Male vor, andere sind einzigartig für eine bestimmte Region.
So wird klar: Unsere Sprache ist ein Mosaik aus vielen Kulturen und Zeiten.
Ein Kulturerbe auf der Kippe
Was bleibt, wenn die Namen verschwinden? Mit ihnen geht mehr verloren als nur Bezeichnungen. Es verschwinden Hinweise auf frühere Nutzungen, auf Naturgegebenheiten, auf Geschichten und Eigenheiten unserer Vorfahren.
Die Arbeit von André Zurbriggen – ebenso wie das zugrunde liegende wissenschaftliche Werk – ist deshalb weit mehr als eine Sammlung von Begriffen. Sie ist ein Versuch, dieses Wissen zu bewahren.
Vielleicht lohnt es sich beim nächsten Spaziergang, genauer hinzuhören:
Wie heisst dieser Hang? Warum trägt dieser Ort seinen Namen?
Denn oft beginnt die spannendste Geschichte genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

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